Es gab keinen großen Moment, keinen dramatischen Wendepunkt.
Eher ein leises Gefühl, das immer wiederkam, wenn ich draußen unterwegs war: Da geht noch mehr.
Ich bin keine Leistungssportlerin. Ich habe keine jahrelange Trekking-Erfahrung. Und bis vor Kurzem hatte ich noch keine Fernwanderung gemacht. Trotzdem ließ ich der Gedanke nicht mehr los, länger unterwegs zu sein. Mehr als ein paar Stunden. Mehr als ein kurzer Ausflug.
Wandern als Gegenentwurf
Wandern war für mich nie ein sportliches Ziel. Es war eher ein Gegenentwurf: langsamer werden, weniger müssen, mehr wahrnehmen.
Ich bin ein eher zurückhaltender Mensch. Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt und beobachte lieber, bevor ich mich in etwas hineinbegebe. Vielleicht passt gerade deshalb das Wandern so gut zu mir. Draußen gibt es kein Publikum, keine Erwartungen – nur den Weg, den Rhythmus der Schritte und das eigene Tempo.
Wenn ich wandere, wird mein Kopf leichter. Gedanken sortieren sich, ohne dass ich sie sortieren muss. Ich merke, wie wenig es eigentlich braucht, um zufrieden zu sein: Bewegung, draußen sein, ein Ziel für den Tag – und irgendwann ein Platz, an dem man ankommt.
Unterwegs sein, um ein Land wirklich kennen zu lernen
Ein weiterer Grund, warum mich das Wandern so angezogen hat, ist die Art zu reisen, die damit möglich wird.
Zu Fuß unterwegs zu sein bedeutet:
- ein Land nicht nur zu sehen, sondern zu durchqueren
- Dörfer, Landschaften und Menschen in ihrem eigenen Tempo wahrzunehmen
- nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu springen
Beim Wandern entstehen Begegnungen oft ganz nebenbei. Ein kurzer Austausch, ein gemeinsamer Wegabschnitt, ein Gespräch am Wegesrand. Nicht geplant, nicht inszeniert aber echt.
Kostengünstig unterwegs – und unabhängig
Wandern ist für mich auch eine sehr niedrigschwellige Art zu reisen. Man braucht kein großes Budget für Unterkünfte, oft keine teuren Transportmittel und keinen festen Zeitplan.
Mit Zelt und Rucksack reduziert sich das Reisen auf das Wesentliche. Und genau das macht es für mich so attraktiv.
Allein unterwegs, ohne mich alleine zu fühlen
Ich wandere am liebsten allein. Nicht aus Abgrenzung, sondern aus einem Bedürfnis nach Ruhe und Klarheit.
Alleine unterwegs zu sein bedeutet für mich nicht, einsam zu sein. Im Gegenteil: Ich nehme mehr wahr und bin offener für Begegnungen.
Gerade beim Wandern entsteht dieses besondere Gefühl, allein zu sein, ohne sich allein zu fühlen. Ein Zustand, den ich im Alltag selten erlebe.
Die Zweifel waren trotzdem da
Sehr sogar.
Ich dachte:
- Ich habe keine Erfahrung.
- Ich habe kein großes Budget.
- Meine Ausrüstung ist nicht besonders.
- Andere können das Besser.
Viele Berichte, die ich gefunden habe, fingen dort an, wo ich noch gezögert habe. Mit perfekter Ausrüstung. Mit Routine. Mit viel Zeit für Vorbereitungen.
Warum der West Highland Way als erste Fernwanderung?
Der Gedanke an diesen Weg kam nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Pragmatismus.
Der West Highland Way
- ist gut dokumentiert
- gilt als machbar
- bietet eine gute Infrastruktur
- und erlaubt dennoch genug Freiheit
Für mich kommt aber noch etwas anderes dazu. Ich habe mich schon, als ich 1998 zum ersten Mal in Schottland war, unsterblich in dieses Land verliebt. Seit dem war ich mehrere Male dort unterwegs – und jedes Mals hat sich dieses Gefühl bestätigt.
Und eigentlich begleitet mich dieser Weg schon viel länger:
Seit über zehn Jahren ist es mein Traum, den West Highland Way eines Tages zu wandern. Nicht unbedingt sofort, nicht um jeden Preis – aber immer als leiser Gedanke im Hinterkopf. So ein „irgendwann mache ich das“.
Deshalb war für mich bald klar: Wenn ich einen Fernwanderweg gehe, dann muss es Schottland und der West Highland Way sein.
Für mich fühlte sich der West Highland Way deshalb an wie ein realistischer Einstieg – nicht leicht, aber auch nicht überfordernd. Ein Weg, auf dem man unterwegs lernen darf und gleichzeitig genau dort ist, wo ich mich ohnehin immer wieder hingezogen fühle.