Am Anfang gibt es beim Fernwandern oft eine klare Vorstellung. Eine, die sehr romantisch ist. Und sehr idealistisch.
Bei mir sah sie so aus:
Zelt, Natur, absolute Freiheit – 100% Wildcampen.
Kein fester Plan, kein Zeitdruck, einfach jeden Tag laufen, bis es sich richtig anfühlt. Abends irgendwo das Zelt aufschlagen und morgens einfach weiterziehen. Genau so hatte ich mir meinen ersten Fernwanderweg vorgestellt.
Die Idee vom perfekten Wildcamping
Je mehr ich mich mit dem West Highland Way beschäftigt habe, desto realistischer wurde mein Blick.
Rein rechtlich ist Wildcampen in Schottland fast überall erlaubt – also schien mein Plan zunächst machbar. (Achtung! An großen Teilen des Loch Lomond gibt es eine „Camping Management Zone“, hier ist Wildcampen zwischen 01. März und 31. September verboten.)
Aber Planung hört eben nicht bei der Theorie auf.
Mit der Detailplanung kamen Fragen, die ich mir vorher nicht gestellt hatte:
- Wo bekomme ich zuverlässig Wasser?
- Wie sichere ich meine Versorgung über mehrere Tage?
- Wie lade ich Handy und Powerbank, wenn ich zur Navigation darauf angewiesen bin?
- Und ganz ehrlich: Wie viel Energie bleibt abends wirklich noch, um einen geeigneten Zeltplatz zu suchen?
Mir wurde klar:
100% Wildcampen ist möglich – aber nicht automatisch entspannt.
Realität statt Idealbild: Informationen aus erster Hand
Mir war wichtig zu wissen, wie der Weg aktuell wirklich ist – nicht nur, wie er in Reiseführern oder auf Karten dargestellt wird.
Deshalb habe ich mich regelmäßig auf der offiziellen Homepage des West Highland Way informiert, um eventuelle Streckenänderungen im Blick zu behalten.
Zusätzlich war ich in mehreren Facebook-Gruppen rund um den West Highland Way unterwegs. Dort berichten andere Wanderer sehr konkret über:
- die tatsächliche Wegbeschaffenheit
- schlammige oder stark ausgewaschene Abschnitte
- wetterbedingte Schwierigkeiten
- und darüber, wie anspruchsvoll einzelne Teilstücke wirklich sind
Diese Berichte haben mir geholfen, meine Wunschvorstellung mit der Realität abzugleichen.
Der erste Kompromiss: Campingplatz und Wildcampen im Wechsel
In meiner ersten konkreten Planung habe ich mich deshalb für einen Mittelweg entschieden: Campingplatz und Wildcampen im Wechsel.
Das klang für mich nach einer guten Balance aus Freiheit und Struktur.
Regelmäßig Duschen, Strom, Trockenmöglichkeiten – und dazwischen trotzdem Natur und Eigenständigkeit.
Auf dem Papier fühlte sich dieser Plan richtig an.
Warum der April – und warum sich der Plan weiter verändert hat
Die Entscheidung für den April war zum einen ganz pragmatisch:
Ich hatte in diesem Zeitraum Zeit – und vor allem eine verlässliche Betreuung für meinen Hund. Das ist kein romantischer Grund, aber ein entscheidender.
Zum anderen sprach auch vieles sachlich für diesen Monat:
- Auf dem West Highland Way ist Mitte April noch relativ wenig los.
- Die Tage sind bereits deutlich länger.
- Und: Die Midges sind noch kein Thema.
Das Wetter hingegen zeigte sich wenig gnädig. In den Wochen vor meinem Start war klar: Regen, Kälte und Wind – teilweise tagelang. Das Glen Coe Mountain Resort, ein Etappenziel meiner Wanderung, warb kurz bevor es losgehen sollte sogar noch mit den perfekten Ski Bedingungen.
Die finale Entscheidung: Jeden Abend ein Campingplatz
Je näher der Start rückte, desto ehrlicher wurde ich mit mir selbst.
Ich habe mich gefragt, ob ich nach einem langen, nassen Wandertag wirklich noch die Aufgabe haben möchte, einen passenden Wildcampingplatz zu suchen.
Die Antwort war: Nein.
In meiner Endplanung habe ich mich deshalb entschieden, jeden Abend auf einem Campingplatz zu übernachten. Ein entscheidender Punkt dabei war, dass viele Campingplätze Trockenräume anbieten.
Die Möglichkeit,
- nasse Jacken aufzuhängen
- Schuhe zu trocknen
- und morgens nicht wieder in klamme Kleidung zu steigen
hat einen riesigen Unterschied gemacht – körperlich und mental.
Rückblickend war diese Entscheidung einer der größten Entspannungsfaktoren meiner gesamten Tour.
Etappenplanung: realistisch statt ehrgeizig
Ich habe den West Highland Way in neun bzw. achteinhalb Etappen aufgeteilt, mit insgesamt acht Übernachtungen.
Die Etappen habe ich bewusst so gewählt, dass:
- sie realistisch zu gehen sind
- genug Zeit für Pausen bleibt
- und kein Tag auf maximale Leistung ausgelegt ist
Die konkrete Planung habe ich mit Komoot durchgeführt – nicht, um jeden Meter festzulegen, sondern um Distanzen und Höhenmeter besser einschätzen zu können.
Mir war wichtig, Puffer einzuplanen. Nicht alles auf Kante, nicht jeder Tag ein Kraftakt.
Was ich aus dieser Planung gelernt habe
Meine ursprüngliche Wunschvorstellung war Freiheit durch maximale Spontanität. Die Realität war Freiheit durch Klarheit.
Ich habe gelernt, dass es kein Scheitern ist, Pläne anzupassen. Im Gegenteil – es ist ein Zeichen dafür, sich selbst ernst zu nehmen.
Gerade beim Fernwandern darf Planung sich verändern. Sie ist kein starres Konstrukt, sondern ein Werkzeug, das mir hilft, unterwegs wirklich anzukommen.